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Monogamie ein Auslaufmodell?

polyamory

Menschen vernetzen sich in der Liebe. Paare tun sich zu „Quartetten“ zusammen. Menschen leben emotionale und sexuelle Beziehungen ohne dauerhafte Bindungen.

Rebekka, Benjamin und Leonie experimentieren gern. Sie leben in einer Dreierbeziehung mit offenen Grenzen nach innen und außen. Sie fühlen sich frei, weil sie sich befreit haben. Von den Fesseln der Konvention, den Erwartungen der anderen, den Grenzen des eigenen Geschlechts. Sie praktizieren eine esoterische Form der freien Liebe, das Tantra, leben in einer Wohngemeinschaft, und alle drei bekennen sich zu ihrer Bisexualität. Erotik ist das beherrschende Element ihres Lebens, aber sie ist eingehegt in ein Netzwerk des kommunikativen Austauschs, der gegenseitigen Achtung und Fürsorge.
Seitensprünge und Heimlichtuereien sind den „Polys“, so nennen sich die Anhänger der aus den USA kommenden „Polyamory“-Bewegung, ein Gräuel. Ebenso die Eifersucht, die ihnen als Relikt einer überwundenen Sexualmoral gilt, als zerstörerisches Besitzdenken der „Monogamisten“.

Ihr setzen sie den polyamorösen Begriff der „Mitfreude“ entgegen. Der andere Mann oder die andere Frau werden nicht mehr als Konkurrenz, sondern als Bereicherung empfunden. Benjamin, der als Beamter so gar nicht ins Schema dieser sexuellen Freizügigkeit zu passen scheint, hat gelernt, sich über die erotischen Eskapaden von Rebekka zu freuen: „Mir wurde bewusst, dass ich ihr das gönnen konnte. Das hat eine Weile gebraucht, aber dann habe ich gemerkt, das ist ein Geschenk, wenn da ein Mann ist, der sie will, und das hat mich innerlich befreit. Und ich konnte mir auch meine Lust auf andere Frauen zugestehen.“ Ist dies wirklich ein problemloses Freigeben des geliebten Menschen? Oder nicht doch eine von sexuellen Reizungen überlagerte, anthroposophisch aufgeladene Zwangsgleichgültigkeit, die in solcher Libertinage zum Ausdruck kommt?
Die wachsende Anhängerschaft der Polyamory (Vielliebe) verweist gern auf die sozialen Kosten der Monogamie, wie Gewalt in der Ehe, Seitensprünge, desaströse Scheidungen, beschädigte Kinderseelen. Monogamie ist für sie das Urübel der westlichen Zivilisation. In der freien Liebes- und Lebensgemeinschaft soll es keinen Betrug, kein Fremdgehen mehr geben, denn Ehrlichkeit, Respekt und Treue (im Sinne verbindlichen Einhaltens von Absprachen) gelten als die Kardinaltugenden der Bewegung. An die Stelle von „Mangel und Konkurrenz“ sollen „Fülle und gegenseitiges Verbündet-Sein“ treten.

 

Doch noch immer ist es die viel geschmähte Eifersucht, die den freien Liebesgemeinschaften am härtesten zusetzt. Um sie drehen sich die selbsttherapeutischen Gespräche, die oft in endlose Debatten ausarten, in die sämtliche Liebesnetzwerker eingebunden werden, ja werden müssen, um Irritationen und Abspaltungen zu vermeiden.
Nicht alle „Polys“ kommentieren so locker die Sexerfahrungen ihrer Partner wie Benjamin, der sich seine Seelenruhe mit transzendentaler Meditation erarbeitet hat. Dazu braucht es Menschen, die ganz in kollektiven Selbstfindungsprozessen aufgehen, Spaß haben am Erarbeiten von Partnerschaftsverträgen und sexuellen Absprachen, ohne die das manchmal mehr als ein Dutzend Sexualpartner umfassende Beziehungswirrwarr in Chaos auseinanderfallen würde.

Eifersucht dürfe keineswegs geleugnet, sondern müsse bewusst angenommen und in ein positives Gefühl transformiert werden, meint ein Experte für polyamoröse Beziehungen. Eifersucht sei eine Chance, sich mit seinen Urängsten zu konfrontieren und ein stärkerer, gelassener Mensch zu werden, erklärt er das idealistische Konzept. Statt Neid auf die Unbekannte, die Leonie von einer Sadomaso-Party mit nach Hause bringt, doch lieber Spaß am gemeinsamen Sex, wie die 47-jährige Erzieherin es ausdrückt? „Wie fühlt sich das an, wenn ich eine Frau im Arm habe, und er vögelt diese Frau? Total schön, irre! Aber man muss erst einmal mit sich im Reinen sein.“ Die enge Dreierbeziehung mit Rebekka und Benjamin könne es durchaus verkraften, so Leonie, wenn sie einen weiteren festen Freund oder wechselnde Sexualpartner in sie einbringe: „Ich möchte mit Benjamin eine Verbundenheit spüren, aber nicht an ihn allein gebunden sein.“
Sogenannte Schlafpläne, ein ausgeklügeltes Rotationsprinzip und fest vereinbarte Vetorechte sollen die konfliktträchtigen Mehrfachbeziehungen entschärfen. Dennoch wird die andauernde Bearbeitung der Gefühle, der Zwang zur Dauerkommunikation als belastend empfunden, mündet nicht selten in den Terror der Intimität, der schließlich doch zu Heimlichkeiten führt und Fluchtreflexe auslöst. Es gehört zur Ironie solcher Avantgardismen, dass in ihnen längst überwunden geglaubte quasireligiöse Bewältigungsmuster wiederkehren, eine Art kollektiver pietistischer Seelenschau.

Soziologen weisen darauf hin, dass moderne Partnerschaften sich nicht mehr durch Abhängigkeiten oder Kinder definieren, sondern zu „reinen Beziehungen“ geworden sind, die nur durch andauernde Bewährung, andauernde Intimität und innere Lebendigkeit bestehen könnten. Das setze ein permanentes Krisenbewusstsein voraus, um Enttäuschungen und Trennungen zu verhindern. Soziologen bescheinigen der modernen Partnerschaft, dass sie mehr denn je von Misstrauen und Furcht vor (Liebesvor-)Täuschung bestimmt sei. Je autonomer die individuelle Persönlichkeit würde, desto heftiger wachse das Bedürfnis nach Liebe. Ein Bedürfnis, das offenbar nicht nur als heftig, sondern auch in seiner Üppigkeit empfunden sein will. In einer monogamen Beziehung können diese Triebe offenbar nicht vollständig befriedigt werden. Die Emanzipation aus der traditionellen, heteronomen Ehe, in der Zuneigung oft von Kindern absorbiert und damit in ihrem Anspruch gedämpft sei, führe zwangsläufig zu einer Aufschaukelung der gegenseitigen Ansprüche – und am Ende zu deren Ausweitung ins Gruppen-Kollektiv oder zur Zuflucht in die Psychotherapie. In der polyamorösen Beziehung fällt nun beides zur Palaverrunde der Dauererregten zusammen.
Ganz neu ist das polyamoröse Prinzip nicht, wenn man an die 68er Bewegung denkt. Damals war die sexuelle Befreiung eine Vorstufe für die endgültige Befreiung von der kapitalistischen Gesellschaft.